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29.08.2019

Interview: Hidden Champion Forscher Dr. Georg Jungwirth stellt der Vienna Region ein gutes Zeugnis an mittelständischen Weltmarktführern aus

    Österreich gilt als starker Standort für sogenannte „Hidden Champions“. Dr. Georg Jungwirth, Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft CAMPUS 02 in Graz, widmet sich seit 2007 der Hidden Champions-Forschung und macht deren Erfolgsfaktoren in Österreich sichtbar.

     

    Wie definiert man eigentlich Hidden Champions?

    Georg Jungwirth: Der deutsche Wirtschaftsprofessor und Unternehmensberater Hermann Simon ist Pionier der Hidden Champions-Forschung und legte die entscheidenden Kriterien fest, welche Betriebe als Hidden Champions gelten. 1. Ranking: Das Unternehmen muss unter den Top Drei Weltmarktführern oder zumindest Europamarktführer auf seinem Gebiet sein. 2. Firmensitz: Die Hauptzentrale des Unternehmens muss im jeweiligen Land beheimatet sein. 3. Umsatzgröße: Eine bestimmte Jahresumsatzobergrenze darf nicht überschritten werden. Da zeigt sich ein großer Unterschied zwischen Österreich und Deutschland. Während die Obergrenze der Jahresumsätze bei mittelständischen Unternehmen bei unseren Nachbarn bei drei Milliarden Euro liegt, ist sie in Österreich bei 200 Millionen Euro festgelegt. Es gibt noch weitere Kriterien, aber das sind eher „weiche“ Faktoren, wie etwa der Bekanntheitsgrad der Unternehmen. 2007 haben wir mit der Hidden Champions-Forschung begonnen und eine Datenbank aufgebaut, auf deren Basis wir jährlich unsere Studien durchführen und mit unterschiedlichen Hidden Champions-Führungskräften reden, um daraus Erfolgskriterien abzuleiten.

     

    Was sind die neuesten Erkenntnisse bei den Erfolgskriterien?

    Georg Jungwirth: Dominierendes Erfolgskriterium ist die Forschungsquote. Bei Hidden Champions liegt sie bei rund zehn Prozent. Für diese Unternehmen ist es selbstverständlich, viel in Forschung & Entwicklung zu investieren. Neben den Hard Facts wollen wir auch die Soft Facts messbarer machen, denn von den Geschäftsführern wird häufig die Unternehmenskultur als Erfolgskriterium genannt. Viele der Hidden Champions sind familiengeführte Betriebe mit flachen Hierarchien. Sie haben wenig Fluktuation, niedrige Krankenstandstage, große Mitarbeitertreue sowie Vertrauen der Firmenführung ins Team. Das wirkt sich positiv auf das Betriebsklima, Motivation und letztlich auf den Unternehmenserfolg aus.

     

    Ist die Firmengröße also auch ein Erfolgskriterium?

    Georg Jungwirth: Es zeigt sich, dass die typischen Hidden Champions hierzulande im Schnitt rund 300 MitarbeiterInnen beschäftigen und einen Jahresumsatz von rund 60 Millionen Euro erwirtschaften. Diese Unternehmensgröße ist vom Management her gut überschaubar. Nicht selten kennen die Firmenchefs alle ihre MitarbeiterInnen sogar beim Namen. In so einem Umfeld sind die MitarbeiterInnen motivierter.

     

    Ist die Dichte der Hidden Champions in Österreich in Relation höher als in anderen europäischen Ländern?

    Georg Jungwirth: In Österreich schwankt die Zahl der Hidden Champions in den letzten Jahren zwischen 180 und 190. Sie schwankt, weil neue Betriebe nachziehen, andererseits einige Unternehmen auch so stark wachsen, dass sie die Umsatzobergrenze überschreiten und nicht mehr als mittelständisch gelten. Es gibt bereits Gespräche, die Obergrenze in Zukunft nach oben anzuheben. Andere ehemalige Hidden Champions wiederum verschwinden vom Markt, sei es, weil sie aufgekauft werden oder insolvent werden. In Relation zur Einwohnerzahl muss sich Österreich vor Deutschland nicht verstecken und hält mit der Dichte an Weltmarktführern mit. In Deutschland gibt es etwa 1.500 Hidden Champions und damit europaweit die meisten. Auch die Schweiz hat eine relativ hohe Dichte an Weltmarktführern, aber in anderen Staaten nimmt sie deutlich ab. Gegenüber Ländern mit vergleichbarer Einwohnerzahl, wie etwa Finnland und Schweden, ist die Dichte bei uns deutlich höher. Auch in Portugal gibt es viel weniger Hidden Champions. Darüber hinaus haben wir in Österreich auch beachtlich viele große Weltmarktführer, sodass wir alles in allem auf etwa 250 Unternehmen kommen, die Weltspitze sind.

     

    Wie viele Hidden Champions gibt es in der Vienna Region. Können Sie Beispiele nennen?

    Georg Jungwirth: In der Vienna Region erfüllen 43 Unternehmen die Kriterien für Hidden Champions. Weitere 31 Firmen sind große Weltmarktführer. Platzhirsch ist Wien mit 23 mittelständischen Hidden Champions und 14 großen Welt- und Europamarktführern. Gefolgt von Niederösterreich mit 15 Hidden Champions und 16 großen Weltmarktführern. Das Burgenland kommt auf fünf Hidden Champions und einen großen Europamarktführer. Zu den Wiener Weltmarktführern zählen zum Beispiel „Thomastik-Infeld“, Weltmarktführer bei Saiten für Streich- und Zupfinstrumente, „Frequentis“, Weltmarktführer bei Informations- und Kommunikationssystemen für die Flugsicherheit, sowie „Pochtler Industrieholding“, Weltmarktführer u.a. bei Auto-Airbags (iSi Automotive).

     

    Warum eignet sich die Vienna Region für Hidden Champions optimal?

    Georg Jungwirth: Wien hat die beste Infrastruktur im Land. Viele Unternehmen siedeln hier ihren Firmensitz an, weil man näher bei politischen Entscheidungsträgern und den österreichweiten Institutionen dran ist und auch logistische Vorteile genießt. Hidden Champions in den ländlichen Regionen haben den Nachteil langer Transportwege. Die Nähe zum Wiener Flughafen ist für die international tätigen Betriebe in Wien, Niederösterreich und Burgenland sicher von Vorteil.

     

    Elektroindustrie, Maschinenbau, metallverarbeitende Industrie: Warum bringen besonders diese Branchen so viele Hidden Champions hervor?

    Georg Jungwirth: Stimmt, die österreichischen Hidden Champions sind zu über 60 Prozent aus den genannten Branchen. Österreich hat Tradition in metallverarbeitenden Betrieben. Auch im Maschinenbau bestehen viele Unternehmen seit Generationen und sind historisch gewachsen. In der Elektroindustrie beobachte ich Betriebe, die es schon lange gibt, aber teilweise aus völlig anderen Branchen kommen, wie etwa die Knill-Gruppe aus Weiz, die vor über 300 Jahren als Klingenschmiede begann. Ein weiterer Grund ist sicher, dass es in Österreich vorbildliche Clusterkonstellationen gibt, wodurch diese Branchen gut verankert sind. Wir haben eine exzellente Zulieferindustrie, die F&E ernst nimmt.

     

    Haben Hidden Champions eine Chance, in Zukunft besser gesehen und bekannter zu werden?

    Georg Jungwirth: Es gibt unterschiedliche Motive. Einerseits bemühen sich manche Hidden Champions tatsächlich, vor den Vorhang zu treten und damit zu werben, dass man Weltmarktführer ist, denn schließlich ist diese Position ein Indiz, dass man seinen Job gut macht. Aber viele dieser Betriebe sind zu klein, um medial Beachtung zu finden. Vor allem, wenn diese Unternehmen im B2B-Bereich agieren und sich die Produkte technisch nicht leicht erklären lassen, ist es schwierig, das Interesse der breiten Öffentlichkeit zu erregen. Hier wäre es mitunter Aufgabe der Medien, gute Erfolgsstorys aufzubereiten, um die Leistung greifbarer zu machen. Die Salzburger Firma Geislinger GmbH ist z. B. Weltmarktführer für Schwingungskupplungen. Das Produkt alleine wird die Öffentlichkeit nicht interessieren – anders sieht es aus, wenn man erfährt, dass die größten Schiffe der Welt von Geislinger ausgestattet werden. Auf der anderen Seite gibt es auch Hidden Champions, die gerne im Hintergrund bleiben, weil deren Erfolg darauf basiert, eine Marktlücke zu besetzen. Merkmal einer Nische ist, den Massenmarkt zu vermeiden. Zudem besteht in B2B-Märkten nicht die Transparenz, an welcher Position ein Unternehmen am Markt aktuell rangiert. Ein nicht unwesentlicher Grund dafür, dass man den Erfolg nicht an die große Glocke hängt, ist rasches Wachstum, das durch Unternehmenszukäufe entlang der Wertschöpfungskette passiert. Bewilligungsverfahren bei Firmenübernahmen dauern länger, wenn Wettbewerbsbehörden erfahren, dass der Käufer ein Weltmarktführer ist.

     

    Wo sehen Sie für die Hidden Champions in den nächsten Jahren die größten Herausforderungen?

    Georg Jungwirth: In der Anwendung der Erfolgskriterien. Unsere Forschungsergebnisse richten sich zwar in erster Linie an die Studierenden, in zweiter Linie aber auch an die Wirtschaft, um aufzuzeigen, dass man trotz beschränkter Mittel und Möglichkeiten zur Weltspitze gehören kann. Es macht Sinn, in einem Hochlohnland wie Österreich mehr in F&E zu investieren, früh zu internationalisieren und darauf zu achten, sich mit qualitativ überlegenen Produkten von den Mitbewerbern abzuheben.

     

     

    Das Interview wurde geführt von medienkomplizen /Christian Scherl

    Foto: Copyright: FH CAMPUS 02/Melbinger


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