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IT-Fachkräfte müssten die Vienna Region regelrecht stürmen

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15.11.2019

Wien hätte laut Ben Ruschin die besten Voraussetzungen, um zu einem Hotspot für Künstliche Intelligenz zu werden

Der WeAreDevelopers Congress Vienna bringt jedes Jahr hochrangige Unternehmer und Softwareentwickler aus der ganzen Welt nach Wien. Der Event zählt zu den größten internationalen Developer-Veranstaltungen. Rund 2.000 Menschen besuchen diesen Kongress jährlich. Benjamin Ruschin ist Geschäftsführer und Mitbegründer von WeAreDevelopers. Zudem sitzt er im Vorstand des Verbands Österreichische Software Industrie, wo er Arbeitgebern Best Practices im IT-Recruiting vermitteln möchte. WeAreDevelopers bietet neben Veranstaltungen auch eine Karriereplattform, über die Softwareentwickler coole Jobangebote und Firmen die notwendigen IT-Fachkräfte finden. Seit November 2019 können Arbeitgeber auf der WeAreDevelopers-Plattform kostenfreie Stelleninserate veröffentlichen. Sowohl bei den Events als auch im Recruitingbereich spielt Künstliche Intelligenz eine immer wichtigere Rolle.

DevelopersCongress Vienna ©(c) Petra Sittig

 

Warum ist Künstliche Intelligenz aktuell so ein Hype?

Ben Ruschin: Unter dem Deckmantel KI gruppiert sich eine Reihe verschiedener Technologien, die es uns ermöglichen, bestimmte Prozesse zu automatisieren bzw. über Software abzuwickeln, die bisher manuell per Mensch umgesetzt werden mussten. Da geht es zum Beispiel um Bilderkennung, Spracherkennung, Prozessautomatisierung. Im Grunde sind es Technologien, die wir bereits täglich im Einsatz haben, wenn wir zum Beispiel Facebook, Instagram oder Gmail nutzen. Es gibt den steigenden Anspruch, Dinge immer schneller zu tun, und mit neuen Technologien sind wir in der Lage, diese Wünsche in die Praxis umzusetzen. Laut Prognose von Microsoft wird der KI-Markt bis 2025 rund 60 Milliarden US-Dollar wert sein. Deshalb hat Microsoft auch seine Strategie auf KI fokussiert, weil Künstliche Intelligenz im Consumer- und Technologiebereich zu einem der größten und lukrativsten Technologie-Märkte der kommenden Jahre heranwachsen wird.

 

Bringt KI Arbeitsplätze oder muss man sich um seinen Job fürchten?

KI ist derzeit ein regelrechtes Buzzword. Von der Künstlichen Intelligenz versprechen sich die Firmen gewaltige Verbesserungen in ihren Betrieben. Natürlich wird das manche Jobs auflösen und die Maschine übernimmt viele Routineaufgaben, die bisher Menschen ausführten. Aber KI erzeugt viele neue Herausforderungen, die neue Jobs benötigen. Zum Beispiel sucht jedes große Unternehmen derzeit Data Scientists – hochqualifizierte Datenanalysten, die wissen, was man mit den vielen Daten macht, die von den Unternehmen gesammelt werden und wie man sie zur Effizienzsteigerung umsetzen kann.

 

In Krankenhäusern, in der Fabrikation, beim Autofahren, Smart Living usw. ist KI längst angekommen. Wo sehen Sie in Zukunft KI-Einsatzgebiete, an die man heute vielleicht noch gar nicht denkt?

Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert, egal in welchem Bereich. Das wird am Arbeitsmarkt und am Arbeitsplatz einen erheblichen Umschwung mit sich bringen. Im Ausbildungsbereich ermöglicht KI eine völlig neue Art des Lernens. Informationen, nach denen wir heute noch suchen müssen, werden wir in Zukunft viel besser aufbereitet und im jeweils benötigten Format zur Verfügung gestellt bekommen. Es wird immer einfacher, an Informationen zu gelangen, und die Geschwindigkeit, mit der wir sie erhalten, nimmt enorm zu. Gleichzeitig wird alles viel komplexer. Die Folgen sind noch nicht abzuschätzen. KI wird unser ganzes Leben verändern und auf den Kopf stellen, weil wir bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten immer mehr Unterstützung bekommen. Es wird eine Riesenherausforderung, mit diesem Überfluss an Informationen und der immer höheren Geschwindigkeit umzugehen. Heute lässt sich noch nicht voraussagen, wie sich das auf unsere Gesundheit und Psyche auswirken wird.

 

Manche fürchten, dass Maschinen eines Tages die Oberhand übernehmen. Wird KI überhaupt jemals in der Lage sein, es mit dem menschlichen Gehirn aufzunehmen und auch ein Bewusstsein zu entwickeln?

Unter den Wissenschaftlern herrscht Uneinigkeit zu diesem Thema. Aus heutiger Sicht ist es eher unrealistisch, dass Maschinen in der Lage sein werden, eine echte Psyche und Emotionen zu entwickeln und KI uns eines Tages komplett ersetzen wird. Hollywoodfilme, wie „I, Robot“, „Minority Report“ oder „Terminator“, schüren diese Angst, die meiner Meinung nach unberechtigt ist. Dennoch wird es wichtig sein, dass bei der KI-Entwicklung gewisse Regeln eingehalten werden. Ich denke da an die unterschiedlichsten Bereiche, wie Militär, Medizin, autonomes Fahren. Es bedarf Mindestsicherheitsstandards und ein funktionierendes gesetzliches Regelwerk, damit stets gewährleistet ist, dass am Ende die Menschen die Technologie kontrollieren und nicht umgekehrt.

 

In Wien beschäftigen sich schon viele Unternehmen mit KI, wenn man etwa an die autonom fahrenden Busse in der Seestadt Aspern denkt oder die Chatbot-Services bei Wiener Wohnen. Wie beobachten Sie die KI-Aktivitäten in der Vienna Region?

Die angesprochenen Initiativen sind in der Tat lobenswert, aber es muss noch viel mehr getan werden, um international wahrgenommen zu werden und wirklich hervorzustechen. Da würde es sich lohnen, einen Blick auf die Konkurrenz zu werfen. Die KI-Weltmarktführer sind unangefochten die USA und China. Die Summe an Venture Capital für den KI-Bereich in den USA liegt derzeit bei rund zehn Milliarden US-Dollar. Tendenz stark steigend. In China wuchsen in den letzten fünf Jahren die KI-Patente um mehr als zweihundert Prozent an. Auch in Japan, Großbritannien, Kanada, Israel und Deutschland tut sich sehr viel am KI-Sektor.

 

Aber immerhin gibt es eine KI-Strategie der Stadt Wien. Ist das der richtige Weg, um zum KI-Hotspot zu werden?

Die KI-Strategie zeigt zumindest, dass sich die Stadt Wien des Trends bewusst ist und dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Aber die KI-Strategie alleine wird nicht ausreichen. Derzeit ist die KI-Szene in der Vienna Region noch zu brav. Damit meine ich, dass wir zum Beispiel keine Start-ups haben, die als echte KI-Pioniere bezeichnet werden können. Ein Problem sehe ich aber auch darin, dass große internationale Konzerne in der Vienna Region meist nur Vertriebsniederlassungen haben, wie IBM, SAP, Microsoft, die hier vorrangig Vertriebs- und nicht Entwicklungsagenden verfolgen. Auf der anderen Seite beobachte ich durchaus auch positive Entwicklungen, etwa wenn Porsche Informatik am Austria Campus in Wien ein neues Office eröffnet und 200 neue IT-Fachkräfte benötigt. In Zukunft muss es gelingen, mehr internationale Unternehmen aus der Privatwirtschaft nach Wien zu bringen. Dazu muss an einem Strang gezogen werden. Auch zwischen Bund und Stadt.

 

Ist der WeAreDevelopers Kongress nicht das beste Beispiel dafür, dass Wien beim Thema Künstliche Intelligenz mit der Zeit geht?

Natürlich, denn wir haben Teilnehmer aus 80 verschiedenen Städten. Hier treffen IT-Vorstände großer Konzerne aus unterschiedlichsten Branchen zusammen. Der Bedarf an IT Kräften ist größer denn je zuvor. 2018 hatten wir die Top-Entscheider der großen Tech- und Automobilkonzerne auf unserem Event in Wien, u.a. den CIO von BMW. Die suchen händeringend unzählige Softwareentwickler und haben Probleme, Developer nach München, Wolfsburg, Stuttgart oder Walldorf zu holen, weil sie einerseits Standortprobleme haben und/oder einem enormen Wettbewerb um die IT-Talente ausgesetzt sind. Und genau diese Unternehmen suchen neue Locations für ihre Entwicklungszentren – und zwar in der Nähe ihrer Hauptzentralen und nicht irgendwo in Asien. Hier muss sich die Vienna Region in die erste Reihe spielen. Es gäbe die besten Voraussetzungen, diesen Firmen Wien schmackhaft zu machen – mit der besten Lebensqualität und einem hervorragenden Preisleistungsverhältnis, denn die Lebenshaltungskosten sind hier deutlich geringer als in konkurrierenden Regionen. Jetzt gilt es, einen Sog zu entwickeln.

 

Wie kann dieser Sog gelingen?

Unser Kongress ist eine tolle Gelegenheit, die Vienna Region der Welt vorzustellen und den C-Level-Entscheidern großer Konzerne aus den Branchen Tech, Automobil, Industrie und Logistik Lust zu machen, sich hier anzusiedeln. Für internationale Konzerne kann es einen großen Reiz haben, in der Vienna Region ihre IT-Zentren aufzumachen, wo der Konkurrenzkampf noch nicht so groß ist und man einen ausgezeichneten Standort vorfindet, mit der Nähe zu Zentral- und Osteuropa, der hohen Lebensqualität, einem tollen Preis-Leistungsverhältnis. Wenn es uns gelingt, in den kommenden Jahren ein paar Top-Unternehmen nach Österreich zu holen, bin ich überzeugt, dass ein Dominoeffekt einsetzt. Dann sehe ich eine echte Chance, dass die Vienna Region zum IT-Innovationszentrum Europas aufblüht. Das ist natürlich mit einem Kraftakt verbunden, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. Worauf sollen wir denn warten?

 

Inwiefern leistet die Ausbildung in der Vienna Region gute Dienste, um genügend heimische IT-Fachkräfte hervorzubringen?

Ich bin positiv überrascht von den HTLs. Darin sehe ich eine große Chance. Es müsste mehr HTLs nach dem Vorbild der HTL Spengergasse geben. Sie setzt einen Schwerpunkt auf IT und ist einzigartig in Österreich. Auch die Fachhochschulen leisten gute Arbeit, wenn ich etwa an die FH Technikum mit ihren sehr zukunftsorientierten Kursen hervorhebe, die Nischenmärkte abdecken. Aber auch die FH Wiener Neustadt agiert nah an der Wirtschaft und nimmt die Bedürfnisse und Anforderungen der Unternehmen ernst. Das ist der richtige Weg. Jedes neu ausgebildete IT-Talent stärkt unsere Wirtschaft, deshalb braucht es noch viel mehr Angebote, um die Talente auszubilden, die wir brauchen.

 

Das Interview wurde geführt von medienkomplizen / Christian Scherl

Foto: Ben Ruschin (c) Petra Sittig


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